ADHS

In einem Satz Gemalter Kolibri im Flug, umgeben von kleinen bunten Punkten

ADHS ist kein Mangel an Aufmerksamkeit. Die Schülerin oder der Schüler kann Aufmerksamkeit, Impulse und Zeitgefühl nur schwer steuern. Deshalb schließt stundenlanges Versinken in ein Lieblingsthema ADHS nicht aus.

Was ADHS ist

ADHS ist eine Entwicklungsstörung der Selbstregulation. Das heißt: Die Schülerin oder der Schüler kann sich schwer selbst steuern. Es gibt drei Kernbereiche: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Die ICD-11 (das internationale Diagnosesystem der WHO) führt ADHS unter 6A05.

Es gibt drei Erscheinungsbilder:

  • vorwiegend unaufmerksam,
  • vorwiegend hyperaktiv-impulsiv,
  • gemischt.

Für die Diagnose müssen drei Dinge zutreffen:

  • Die Merkmale sind vor dem zwölften Lebensjahr aufgetreten.
  • Die Merkmale zeigen sich in mindestens zwei Lebensbereichen.
  • Die Merkmale schränken die Teilhabe deutlich ein.

Im Kern geht es um die exekutiven Funktionen. Das sind die Steuerungsfähigkeiten im Kopf: Arbeitsgedächtnis, Handlungsplanung, Impulskontrolle und Steuerung von Aufmerksamkeit. Russell Barkley beschreibt ADHS deshalb als Störung der Selbstregulation über die Zeit. Es ist für ihn kein Wissens- oder Motivationsproblem.

Für den Unterricht heißt das: Schülerinnen und Schüler mit ADHS wissen in aller Regel genau, was sie tun sollen. Die eigentliche Hürde ist der Weg vom Wissen zur Handlung.

Was die Funktionen im Unterricht bedeuten. Die Begriffe klingen abstrakt. Im Klassenraum sind sie sehr konkret:

  • Arbeitsgedächtnis: Eine Information im Kopf halten und gleichzeitig damit arbeiten. Zum Beispiel einen Auftrag beim Holen des Materials behalten. Oder sich beim Lesen der nächsten Zeile ein Zwischenergebnis merken.
  • Handlungsplanung: Die Reihenfolge der Schritte bestimmen und bei Bedarf umplanen. Wer das Ziel kennt, hat damit noch keinen Weg dorthin.
  • Impulskontrolle: Den ersten Einfall kurz zurückhalten, vor dem Sprechen, Aufstehen oder Losschreiben.
  • Steuerung der Aufmerksamkeit: Bei einer Sache bleiben, auch wenn sie nicht fesselt. Zur nächsten Sache wechseln, wenn die Stunde es verlangt.

Quelle: Barkley, Modell der gestörten Verhaltenshemmung und Selbstregulation (Quellenliste Nr. 37). Einordnung: Forschungslinie (viele Arbeiten zu einem Thema).

So ordnest du die Beobachtungen ein. Die ICD-11 und die S3-Leitlinie (AWMF-Registernummer 028-045) beschreiben ADHS als Störungsbild. Eine S3-Leitlinie ist eine Empfehlung von Fachleuten mit der höchsten Qualitätsstufe. Die AWMF ist der Dachverband der medizinischen Fachgesellschaften. Es wird fachlich festgestellt und nicht in der Schule. Die Leitlinie enthält einen multimodalen Behandlungsansatz (mehrere Behandlungswege zusammen) und Empfehlungen zu schulischen Maßnahmen.

  • Du beobachtest, beschreibst und passt den Unterricht an.
  • Du stellst keine Diagnose.
  • Du sprichst keine Vermutung als Tatsache aus.

Alle Beobachtungen hier sind mögliche Hinweise, wo eine Schülerin oder ein Schüler Unterstützung braucht. Die Beobachtungen sind kein Test, keine Checkliste und kein Zeichen für eine Diagnose. Dieselbe Beobachtung kann auch andere Gründe haben.

Quelle: ICD-11 (Quellenliste Nr. 18) und S3-Leitlinie ADHS (Nr. 21). Einordnung: Rollenabgrenzung nach Leitlinie.

ADHS und ADS. Im Alltag begegnet dir auch die Kurzbezeichnung ADS. ADS meint hier das vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsbild von ADHS. ADS ist keine eigene Diagnose. Dazu gibt es eine eigene Seite.

etwa 8 %weltweite Schätzung für Kindheit und Jugend, Größenordnung aus Meta-Analysen (Auswertungen mehrerer Studien zusammen) Quelle: Meta-Analysen zur weltweiten Prävalenz (Häufigkeit), Quellenliste Nr. 39. Die Zahl ist eine Größenordnung. Sie streut stark, je nachdem, wie erhoben wurde.
60 bis 80 %Erblichkeitsschätzung (Anteil der Unterschiede, der auf Erbanlagen beruht) aus Zwillingsstudien. ADHS gehört damit zu den Bereichen, die am stärksten genetisch geprägt sind. Quelle: Übersichtsarbeiten zu Zwillings- und Familienstudien (Quellenliste Nr. 41). Die Aussage gilt für Gruppen, nicht für eine einzelne Schülerin oder einen einzelnen Schüler.
6A05ICD-11-Code für ADHS Quelle: WHO, ICD-11 (Quellenliste Nr. 18).
g 0,36mittlerer Effekt der Tagesberichtskarte auf ADHS-Symptome, die Lehrkräfte bewertet haben. Grundlage: sieben Gruppenstudien mit 272 Teilnehmenden. Das g ist ein Maß für die Stärke eines Effekts. Quelle: Iznardo und Kollegen 2020, Meta-Analyse. Der Wert gilt für diese eine Maßnahme im Mittel, nicht für jede einzelne Schülerin und jeden einzelnen Schüler.

Prävalenzzahlen (wie häufig etwas vorkommt) schwanken. Das hängt von Definition, Trennwert (Grenze zwischen auffällig und unauffällig) und Erhebungsmethode ab. Wenn du eine Zahl in einem Gespräch nennst, sag, dass es eine Größenordnung ist. Nenne auch die Quelle.

Eine Erblichkeitsschätzung beschreibt eine Gruppe. Die Schätzung sagt nichts darüber, ob und wie eine einzelne Schülerin oder ein einzelner Schüler betroffen ist.

Was zuerst auffällt

Es ist nicht bei allen dasselbe. Diese Beobachtungen sind mögliche Hinweise und keine Rangfolge.

  • Angefangen und nicht beendet. Die Schülerin oder der Schüler beginnt Aufgaben und lässt sie liegen. Material geht verloren. Anweisungen rutschen weg.
  • Die Leistung schwankt stark von Tag zu Tag. Das deuten viele als mangelnde Anstrengung.
  • Reden dazwischen, aufstehen, zappeln. Beim hyperaktiv-impulsiven Bild siehst du das sofort. Beim unaufmerksamen Bild fehlt es fast ganz.
  • Träumen statt stören. Wer still am Fenster sitzt, fällt niemandem zur Last. Deshalb wird er oft jahrelang übersehen.

So kann es sich nach Schulstufe zeigen. Die Beispiele sind mögliche Beobachtungen und keine Diagnosezeichen.

  • Primarstufe: Auf dem Arbeitsblatt ist die Vorderseite bearbeitet. Der Blick wandert zur Nachbarin oder zum Nachbarn. Nach der Pause dauert es lange, bis die Schülerin oder der Schüler in der Stunde ankommt.
  • Sekundarstufe I: Die Mappe ist unvollständig. Die Hausaufgaben sind erledigt, aber nicht dabei. Mündliche Beiträge sind klug, schriftliche Ergebnisse kurz. Am einen Tag klappt eine Aufgabe sofort, am nächsten Tag nicht.
  • Sekundarstufe II: Langzeitaufgaben, Abgaben und Lernphasen beginnen zu spät. Dann wird alles in einer Nacht nachgeholt. Pünktlichkeit und Ordnung der Unterlagen klappen in einem Fach und im nächsten nicht.
  • Im Einzelunterricht: Der Einstieg in die Stunde braucht mehrere Anläufe. Ein Gedanke führt zum nächsten. Der rote Faden der Aufgabe geht unterwegs verloren.

Quelle: Beobachtungen als mögliche Auswirkungen der in den Quellen beschriebenen Selbstregulation (Quellenliste Nr. 21 und 37). Einordnung: Beobachtungen aus dem Unterricht, keine Diagnosekriterien und keine Häufigkeitsrangfolge.

Was dahinter steckt

  • Zeitgefühl. Nach Barkleys Modell gehört das Gefühl für Zeit zur Selbstregulation. Darum kommt die Hausaufgabe vielleicht zu spät, obwohl sie längst fertig war. Darum helfen Angaben ohne sichtbare Uhr oft kaum.
  • Belohnungsaufschub. Was heute zu sehen ist, wirkt. Was in zwei Jahren kommt, wirkt kaum. Die Forschung nennt das Verzögerungsaversion (Abneigung gegen Warten). Warten ist dann nicht nur unattraktiv, es ist unangenehm.
  • Arbeitsgedächtnis. Mündliche Aufträge mit mehreren Schritten zerfallen unterwegs. Die Schülerin oder der Schüler hat nicht schlecht zugehört. Der Speicher ist voll.

Vom Wissen zur Handlung. Nach Barkleys Modell liegt die Schwierigkeit auf dem Weg von der Absicht zur Handlung. Die Absicht selbst ist nicht das Problem.

Das erklärt einen Satz, den du vielleicht kennst: „Ich weiß es doch.“ Das stimmt. Die Frage ist, wie das Wissen im richtigen Moment abrufbar wird. Dabei helfen sichtbare Schritte, Erinnerungen und Zeitgeber von außen.

Warum Rückmeldung zeitnah sein sollte. Sonuga-Barke beschreibt mit der Verzögerungsaversion, warum Belohnungen in ferner Zukunft schwächer wirken. Für deinen Unterricht kannst du daraus Folgendes ableiten: Zerlege ein langes Ziel in sichtbare Teilziele. Gib zu jedem Teilziel eine eigene Rückmeldung.

Ein scheinbarer Widerspruch. Dieselbe Schülerin oder derselbe Schüler arbeitet stundenlang vertieft an einem Thema. Ein einfacher Auftrag wird trotzdem nicht umgesetzt. Das ist kein Widerspruch. Es passt zur schwankenden Leistung, die oben steht. Es geht um die Steuerung und nicht um das Können.

Quelle: Barkley (Quellenliste Nr. 37) und Sonuga-Barke (Nr. 38). Einordnung: Forschungslinien.

Gemalte Zimmerpflanze

Was hilft

  • Zeit sichtbar machen. Nimm eine Sanduhr, eine analoge Uhr oder einen laufenden Timer. Eine gesehene Zeit hilft oft mehr als eine genannte.
  • Aufgaben in Schritte zerlegen und schriftlich geben, nicht als einen langen Absatz. Schreibe einen Schritt pro Zeile, zum Abhaken.
  • Sofort rückmelden. Kleine Zwischenziele wirken besser als das große Ziel am Ende des Halbjahres. Im Einzelunterricht ist das dein größter Vorteil.
  • Sichtbare Stützen von außen. Dazu zählen eine Checkliste, ein Wochenplan an der Wand und ein fester Ablageort für Material. Die Stützen ersetzen, was innen gerade nicht trägt. Das ist kein Verwöhnen.
  • Bewegung einplanen. Kurze, klar begrenzte Bewegungsphasen können das Arbeiten erleichtern. Eine Meta-Analyse zu bewegten Lerneinheiten (Norris und Kollegen) bezieht sich auf die allgemeine Schülerschaft. Für ADHS beschreiben Hartanto und Kollegen einen Zusammenhang: Mehr Bewegung geht mit besserer kognitiver Kontrolle einher. Kognitive Kontrolle heißt, das eigene Denken und Handeln zu steuern. Eine Ursache ist damit nicht belegt.

Was die Übersichtsarbeiten zu schulischen Maßnahmen zusammenfassen. Wirksam sind vor allem diese Dinge:

  • strukturierte Instruktion,
  • Organisationstraining,
  • Umgebungsanpassungen,
  • externe Stützen für exekutive Funktionen, zum Beispiel sichtbare Schritte, Erinnerungen, Musterbeispiele und Zeitgeber.

Darauf bauen die Praxisideen weiter unten auf.

  • Strukturierte Instruktion. Gib eine Anweisung und einen Schritt. Lass dir dann zeigen, was das Ergebnis ist. Bringe Aufträge mit mehreren Teilen in eine Reihenfolge. Schreibe sie an die Tafel oder auf den Bildschirm.
  • Musterbeispiele. Ein fertig gelöstes Beispiel neben der Aufgabe entlastet das Arbeitsgedächtnis. Die Schülerin oder der Schüler muss die Planung nicht allein im Kopf halten.
  • Organisationstraining. Ordne regelmäßig gemeinsam mit der Schülerin oder dem Schüler Mappe, Tasche und Aufgabenheft. Das ist Unterrichtszeit und kein Vorwurf.
  • Umgebungsanpassungen. Biete einen Sitzplatz mit wenig Ablenkung an und einen aufgeräumten Tisch. Bei digitalen Stunden helfen ein ruhiges Fenster und nur die nötigen Programme.
  • Erinnerungen. Das kann ein vereinbartes Zeichen sein, eine Notiz auf dem Tisch oder eine Nachricht kurz vor Beginn der Stunde.

Die Tagesberichtskarte. Eine Meta-Analyse untersuchte Daily Behavior Report Cards (Tagesberichtskarten). Bei ADHS-Symptomen, die Lehrkräfte bewertet haben, fand sie einen Effekt von Hedges g 0,36. Grundlage waren sieben Gruppenstudien mit 272 Teilnehmenden (Iznardo und Kollegen 2020).

Der Wert gilt für diese eine Maßnahme im Mittel über viele Schülerinnen und Schüler. Er gilt nicht für jede einzelne Schülerin, nicht für jeden einzelnen Schüler und nicht für jede Form der Rückmeldung.

Einzelunterricht und mehrere Zugänge. Die Education Endowment Foundation stuft Einzelunterricht als wirksam ein. Einen Teil der Wirkung führt sie auf die enge Beziehung zwischen Lehrkraft und Lernendem zurück.

Der Rahmen des Universal Design for Learning (CAST) hilft dir bei der Planung. Du bietest einen Inhalt auf mehreren Wegen an. Die Lernenden zeigen ihr Wissen ebenfalls auf mehreren Wegen. Beides ist kein ADHS-spezifischer Wirksamkeitsnachweis. Es ist ein Planungsrahmen.

Nach Schulstufe angepasst.

  • Primarstufe: Nutze Bilder, Farben und Sanduhren. Hänge den Ablauf der Stunde als Bildleiste sichtbar auf. Halte Aufträge kurz und zeige sie, statt sie nur zu sagen.
  • Sekundarstufe I: Gib Aufgabenzettel mit Kästchen zum Abhaken. Nutze einen Wochenplan auf dem Tisch oder im Heft. Lege einen festen Zeitpunkt fest. Dann prüfst du das Material gemeinsam mit der Schülerin oder dem Schüler.
  • Sekundarstufe II: Teile Langzeitaufgaben in Etappen mit Zwischenterminen. Plane die Etappen gemeinsam mit der Schülerin oder dem Schüler. Halte sie schriftlich fest.

Quelle: Übersichtsarbeiten zu schulischen Maßnahmen bei ADHS (Quellenliste Nr. 17), Iznardo und Kollegen 2020, DOI 10.1177/1087054717734646, Education Endowment Foundation, One to one tuition (Nr. 15), CAST UDL (Nr. 16). Einordnung: Die Tagesberichtskarte ist als Meta-Analyse für die untersuchte Maßnahme belegt. Die übrigen Maßnahmen sind pädagogische Umsetzungen der Übersichtsarbeiten.

Was eher nicht wirkt

  • Belohnung in ferner Zukunft. Der Satz „Das brauchst du für den Abschluss“ motiviert oft nur wenig.
  • Angaben ohne sichtbare Uhr. Eine bloße Ansage bleibt abstrakt.
  • Zur Anstrengung ermahnen, wenn die Leistung schwankt. Das trifft genau den Punkt, den die Schülerin oder der Schüler selbst nicht steuern kann.
  • Mündliche Aufträge mit mehreren Teilen ohne schriftliche Fassung.
  • Strafen für Vergessen. Vergessen hängt hier oft mit der Selbstregulation zusammen. Es ist kein Zeichen von Desinteresse.
  • Aus einer Beobachtung eine Diagnose machen. Du beschreibst und gibst Rückmeldung. Die Diagnose gehört in fachliche Hände.
  • Von einer einzelnen Maßnahme alles erwarten. Jede Stütze hilft im Durchschnitt und nicht bei allen Schülerinnen und Schülern gleich. Probiere eine Maßnahme aus, beobachte sie und passe sie an.
Gemalter Kopfhörer

Drei Missverständnisse

Richtig ist

  • ADHS ist neurobiologisch begründet und stark erblich.
  • Konzentration auf ein Lieblingsthema schließt ADHS nicht aus.
  • Mädchen mit ADHS werden leichter übersehen, besonders beim unaufmerksamen Bild.

Nicht richtig ist

  • Eine Lehrkraft könne ADHS an einer einzelnen Beobachtung erkennen.
  • Wer sich stundenlang in ein Spiel vertiefen kann, habe kein ADHS.
  • ADHS wachse sich immer aus. Die Leitlinie gilt für Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter. ADHS kann also auch nach der Schulzeit bestehen.

Mädchen werden leichter übersehen

Das vorwiegend unaufmerksame Bild stört niemanden. Deshalb fällt es seltener auf. Die diagnostischen Kriterien wurden ursprünglich weitgehend an Jungen entwickelt.

Es kann vorkommen, dass andere die Symptome als Angst oder Depression deuten. Die zugrunde liegende ADHS bleibt dann unentdeckt.

Arbeiten zur späteren Erkennung von ADHS bei Mädchen beschreiben genau das. Der vorwiegend unaufmerksame Typ fällt seltener auf. Die Kriterien stammen ursprünglich weitgehend von Jungen.

Für den Unterricht heißt das: Stille, angepasste Schülerinnen und Schüler mit unvollständigen Ergebnissen verdienen dieselbe genaue Beobachtung wie laute. Wenn du ein solches Muster siehst:

  • Beschreibe es und halte Beispiele fest.

Quelle: Arbeiten zur späteren Erkennung von ADHS bei Mädchen (Quellenliste Nr. 42). Einordnung: Forschungslinie.

Begleitende Störungen sind möglich

Diese Störungen treten häufiger gemeinsam mit ADHS auf:

  • Angst,
  • depressive Symptome,
  • Lernstörungen,
  • Schlafprobleme,
  • Störungen des Sozialverhaltens.

Für den Unterricht heißt das: Was du siehst, ist nicht immer nur ADHS. Wenn eine Maßnahme nicht wirkt, frag dich, ob gerade etwas anderes im Vordergrund steht.

Ein Beispiel: Die S3-Leitlinie zur Rechenstörung (Rechenschwäche, AWMF 028-046) nennt ADHS, Angst und depressive Symptome als häufige Begleiter. Eine Schülerin oder ein Schüler kann trotz passender Stützen Schwierigkeiten haben.

Quelle: S3-Leitlinie ADHS (Quellenliste Nr. 21) und S3-Leitlinie Rechenstörung (Nr. 23). Einordnung: allgemeine Aussage, keine Häufigkeitsangaben.

Diagnose und deine Rolle

Fachleute stellen die Diagnose. Dabei gelten die Kriterien der Klassifikation und der Leitlinie. Dazu gehört: Die Merkmale sind vor dem zwölften Lebensjahr aufgetreten. Die Merkmale treten in mindestens zwei Lebensbereichen auf. Die Merkmale schränken die Teilhabe deutlich ein.

Schule ist einer dieser Bereiche. Deshalb sind deine Rückmeldungen aus dem Unterricht für Fachleute wertvoll.

  • Du beschreibst. Nenne konkrete Situationen, das Datum, was vorher geschah und was half. Deute nichts und vergib kein Etikett.
  • Du diagnostizierst nicht. Du bewertest weder ein Gutachten noch eine Behandlung.
  • Du passt den Unterricht an, auch ohne Diagnose. Hilfreiche Struktur braucht kein Etikett.

Quelle: S3-Leitlinie ADHS (Quellenliste Nr. 21), ICD-11 (Nr. 18). Einordnung: Rollenabgrenzung ohne Beschreibung von Verfahren, Tests und Differenzialdiagnostik. Differenzialdiagnostik ist die Abklärung, was noch dahinterstecken kann.

Verlauf und Übergänge

Das Bild bleibt nicht gleich. Mit den Anforderungen ändert sich, wo eine Schülerin oder ein Schüler Unterstützung braucht. Übersichtsarbeiten beschreiben, dass sich die exekutiven Funktionen bis ins junge Erwachsenenalter entwickeln.

  • Primarstufe: Erwachsene geben viel Struktur von außen. Es gibt feste Plätze, feste Abläufe, wenige Fächer und eine Bezugsperson.
  • Übergang in die Sekundarstufe I: Fächer, Räume, Lehrkräfte und Material werden viel mehr. Für Schülerinnen und Schüler, die Struktur von außen brauchen, kann dieser Wechsel eine Belastung sein. Ein gemeinsamer Plan für Mappe, Materialliste und Wochenplan hilft in den ersten Wochen besonders.
  • Sekundarstufe I: Die Schülerinnen und Schüler tragen mehr Eigenverantwortung für Hausaufgaben und Termine. Die Pubertät verschiebt zudem den Schlafrhythmus um ein bis zwei Stunden. Frühe Stunden können dadurch anstrengender sein.
  • Sekundarstufe II: Selbstorganisation, Langzeitaufgaben und Prüfungsplanung stehen im Vordergrund. Etappen, Zwischentermine und sichtbare Pläne bleiben wichtig. Das ist kein Zeichen von Unselbstständigkeit.

Quelle: Übersichtsarbeiten zur Entwicklung exekutiver Funktionen (Best und Miller; Editorial Executive Function and Education), Schlaf in der Pubertät (Übersicht 2022, UNESCO IBE). Einordnung: allgemeine Aussagen zur Entwicklung, ohne Zahlen zu Verlauf und Remission (Rückgang der Beschwerden).

Zur Medikation, kurz und sachlich

Ärztinnen und Ärzte behandeln mit Medikamenten. Im Unterricht entscheidest du das nicht. Für dich ist praktisch wichtig: Medikation ersetzt keine Struktur im Unterricht. Fragen dazu klärst du mit zuständigen Fachleuten.

Nachteilsausgleich und Recht, in Grundzügen

Schulische Unterstützung und Nachteilsausgleich sind in Deutschland Sache der Länder. Nachteilsausgleich heißt: Die Bedingungen werden angepasst, damit ein Nachteil ausgeglichen wird. Für den abschlussbezogenen Nachteilsausgleich gibt es eine Richtlinie der Kultusministerkonferenz (KMK) vom Dezember 2024. Welche Gruppen sie erfasst und wie ein Land sie umsetzt, regelt das jeweilige Land.

Die KMK-Grundsätze von 2003, fortgeschrieben 2007, betreffen die Lese-Rechtschreib-Schwäche und nicht ADHS. Eine ADHS-Diagnose löst nicht automatisch eine bestimmte Maßnahme aus. Verbindlich sind immer die geltenden Erlasse, Lehrpläne und die Absprachen mit Stammschule, Schulaufsicht und Fachstelle. Das ist eine Einordnung und keine Rechtsberatung.

Quelle: KMK-Richtlinie Dezember 2024 zum abschlussbezogenen Nachteilsausgleich. Einordnung: allgemeine Information, keine Rechtsberatung.

Zusammenarbeit mit Fachleuten

  • Dokumentiere Beobachtungen kurz und sachlich, ohne Deutung.
  • Beachte die Absprachen deiner Schule. Förderplanung, Nachteilsausgleich und Zuständigkeiten laufen über Schule und Schulaufsicht.

Quelle: S3-Leitlinie ADHS (Quellenliste Nr. 21) mit Empfehlungen zu schulischen Maßnahmen, Übersichtsarbeiten (Nr. 17). Einordnung: Rollenbeschreibung.

Gemaltes Band

Praxisideen

Karten zum Ausprobieren, jede mit Schritt für Schritt, sortiert nach Schulstufe. Es kommen laufend neue Praxisideen dazu.

Alle Praxisideen zu ADHS
Maßgebliche Quelle

Interdisziplinäre S3-Leitlinie „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“, AWMF-Registernummer 028-045, federführend DGSPJ, DGKJP und DGPPN.

Zitiert ist die Fassung 1.0 vom 02.05.2017, gültig bis zum 01.05.2022. Den aktuellen Stand nennt das AWMF-Register. Weitere Belege stehen auf der Seite Quellen.

Die Belege im Überblick.

  1. WHO, ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, icd.who.int. ADHS unter 6A05. Quellenliste Nr. 18.
  2. S3-Leitlinie ADHS, AWMF 028-045, register.awmf.org. Fassung 1.0 vom 02.05.2017, gültig bis 01.05.2022. Quellenliste Nr. 21.
  3. S3-Leitlinie Rechenstörung, AWMF 028-046, März 2018. Quellenliste Nr. 23.
  4. Barkley, R. A.: Arbeiten zum Modell der gestörten Verhaltenshemmung und Selbstregulation. Forschungslinie. Quellenliste Nr. 37.
  5. Sonuga-Barke, E. J. S.: Arbeiten zur Verzögerungsaversion. Forschungslinie. Quellenliste Nr. 38.
  6. Meta-Analysen zur weltweiten Prävalenz von ADHS in Kindheit und Jugend, Größenordnung etwa acht Prozent. Quellenliste Nr. 39.
  7. Übersichtsarbeiten zur Erblichkeit aus Zwillings- und Familienstudien, Größenordnung 60 bis 80 Prozent. Quellenliste Nr. 41.
  8. Arbeiten zur späteren Erkennung von ADHS bei Mädchen. Quellenliste Nr. 42.
  9. Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen zu schulischen Maßnahmen bei ADHS. Quellenliste Nr. 17.
  10. Iznardo und Kollegen (2020): Meta-Analyse zu Daily Behavior Report Cards, DOI 10.1177/1087054717734646. Sieben Gruppenstudien, 272 Teilnehmende, Hedges g 0,36.
  11. PLOS-ONE-Meta-Analyse zu Unterrichtsinterventionen bei ADHS, journals.plos.org.
  12. Education Endowment Foundation, One to one tuition, educationendowmentfoundation.org.uk. Quellenliste Nr. 15.
  13. CAST, Universal Design for Learning Guidelines, udlguidelines.cast.org. Quellenliste Nr. 16.
  14. Norris und Kollegen: Meta-Analyse zu bewegten Lerneinheiten, PubMed 31619381. In der Stunde d 0,81 (7 Studien), insgesamt d 0,36 (25 Studien).
  15. Hartanto und Kollegen (2016): mehr körperliche Aktivität und bessere kognitive Kontrolle bei ADHS. Zusammenhang, keine Ursache.
  16. Understood, Hirnpausen. Studienlage klein, überwiegend Abschlussarbeiten. understood.org.
  17. Übersichtsarbeiten zur Entwicklung exekutiver Funktionen, Best und Miller sowie Editorial Executive Function and Education.
  18. Kultusministerkonferenz, Richtlinie zum abschlussbezogenen Nachteilsausgleich, Dezember 2024.

Leitlinien haben ein Ablaufdatum. Manche Einträge nennen nur Autorinnen und Autoren und ein Themenfeld. Dann fasst der Eintrag eine Forschungslinie zusammen und keine einzelne Arbeit. Das hier ist ein pädagogisches Werkzeug. Es ersetzt keine Förderplanung, keine Diagnostik, keine Therapie und keine Rechtsberatung.

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