
Neurodivergenz im Klassenzimmer
Was ist Neurodivergenz?
Im Unterricht erlebe ich täglich, wie verschieden Menschen wahrnehmen, denken, lernen und sich konzentrieren.
Gute Unterstützung beginnt für mich mit einer einfachen Frage: Was macht Lernen gerade schwer?
Was Neurodivergenz bedeutet
Neurodivergenz beschreibt Unterschiede in der Verarbeitung von Informationen.
Dazu gehören Wahrnehmen, Denken, Lernen, Konzentration und der Umgang mit der Umwelt.
Der Begriff betrachtet diese Unterschiede als Teil menschlicher Vielfalt.
Er sagt nicht, wie ein einzelner Mensch ist oder was eine Schülerin oder ein Schüler leisten kann.
Neurodivergenz ist kein klinischer Begriff aus einem Diagnosehandbuch.[1]
Der Ausdruck entstand aus der Gemeinschaft neurodivergenter Menschen und ihrer Verbündeten.
Autistische Aktivistinnen, Aktivisten und Verbündete entwickelten die Idee gemeinsam.[2]
Der Begriff beschreibt eine Perspektive auf menschliche Unterschiede und gesellschaftliche Barrieren.
Zu neurodivergenten Erfahrungen können beispielsweise ADHS, Autismus, Legasthenie, Dyskalkulie, AVWS und Dyspraxie gehören.
AVWS bedeutet auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung.
Dyspraxie bezeichnet eine Störung der Bewegungsplanung und Koordination (Entwicklungskoordinationsstörung).[10]
Diese Begriffe beschreiben unterschiedliche fachliche Zusammenhänge.
Sie sind deshalb nicht austauschbar.
Was Neurodivergenz nicht ist

Neurodivergenz ist kein Etikett für jedes ungewöhnliche Verhalten.
Sie ist auch keine vollständige Beschreibung einer Schülerin oder eines Schülers.
Kein Kind ist seine Diagnose.
Ein Begriff über die Informationsverarbeitung sagt nichts über den Wert eines Menschen.
Er sagt auch nichts Sicheres über Fähigkeiten, Bedürfnisse oder Persönlichkeit.
Neurotypisch bedeutet nicht besser, normaler oder wertvoller.
Neurodivergenz ersetzt keine fachliche Abklärung.
Ich möchte dir helfen, Schülerinnen und Schüler nicht auf eine Diagnose zu reduzieren.
Du kannst genauer hinsehen und Unterricht passender gestalten.
Neurodivergent und neurotypisch
Neurodivergent beschreibt Menschen, deren Informationsverarbeitung von vorherrschenden Erwartungen abweicht.
Neurotypisch beschreibt Menschen, deren Informationsverarbeitung diesen Erwartungen eher entspricht.
Beide Begriffe sind beschreibend und keine Bewertung.
Frage nach, wenn du unsicher bist, welche Bezeichnung eine Person bevorzugt.
Eine Schule aus einer anderen Zeit
Unser Schulsystem hat wichtige Wurzeln im 18. und 19. Jahrhundert.
In Preußen wurde 1717 ein Edikt zur Schulpflicht erlassen.
Es galt zunächst dort, wo Schulen vorhanden waren, und setzte sich langsam durch.[3]
Das preußische General-Land-Schul-Reglement von 1763 ordnete den regelmäßigen Schulbesuch an.
Es beschrieb feste Schulzeiten, Lehrpläne und eine staatliche Aufsicht.[4]
Der Erlass sollte unter anderem geschicktere und bessere Untertanen bilden.[4]
Historische Quellen zeigen außerdem die Bedeutung von Ordnung und Gehorsam.[5]
Das bedeutet nicht, dass Schule damals nur für Fabriken oder das Militär geschaffen wurde.
Schule vermittelte auch Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion und gesellschaftliche Orientierung.
Die Ziele waren jedoch andere als die Anforderungen einer digitalen Gegenwart.
Eine eigenständige wissenschaftliche Psychologie gab es damals noch nicht.
Wilhelm Wundt gründete 1879 in Leipzig das weltweit erste Institut für Psychologie.[6]
Richard David Precht gehört heute zu den bekannten Stimmen dieser Schulkritik.
In seinem Buch Anna, die Schule und der liebe Gott von 2013 fordert er eine Bildungsrevolution.[7]
Meine persönliche Meinung
Meine persönliche Meinung: Unser Schulsystem ist marode.
Es ist für Schülerinnen und Schüler mit Social Media, Internet und künstlicher Intelligenz nicht gemacht.
Diese Aussage ist meine persönliche Einschätzung und keine historische Tatsachenbehauptung.
Viele Schülerinnen und Schüler lernen heute in einer Welt voller schneller Informationen.
Sie kommunizieren, spielen und suchen Wissen über digitale Medien.
Schule arbeitet dagegen oft noch mit festen Zeiten, gleichen Aufgaben und einem Tempo.
Ich wünsche mir eine Schule, die Verschiedenheit nicht als Störung behandelt.
Sie soll Schülerinnen und Schülern passende Zugänge, klare Orientierung und echte Beteiligung ermöglichen.
Warum das im Klassenzimmer zählt
Das Klassenzimmer als Brennpunkt
Im Klassenzimmer treffen heute viele Bedürfnisse, Erfahrungen und Lernvoraussetzungen aufeinander.
Du erlebst vielleicht Unruhe, häufige Unterbrechungen und sehr unterschiedliche Arbeitstempi.
Viele Aufgaben müssen gleichzeitig gelöst werden.
Oft fehlt dir die Zeit, jede Situation in Ruhe zu begleiten.
Das Deutsche Schulbarometer 2026 nennt das Verhalten von Schülerinnen und Schülern als größte Belastung.
46 Prozent der befragten Lehrkräfte nannten diesen Bereich als größte berufliche Belastung.[8]
Das Klassenzimmer wird dadurch zum Brennpunkt für Lehrkräfte sowie für Schülerinnen und Schüler.
Hilfreich sind klare Abläufe, sichtbare Informationen und planbare Übergänge.
Du kannst Aufgaben in überschaubare Schritte teilen.
Du kannst Ruhe, Bewegung und verschiedene Ausdrucksformen mitdenken.
Beobachte die Situation und nicht nur das sichtbare Verhalten.
Frage dich, welche Anforderungen gerade zusammenkommen.
Was KI heute unterstützen kann

Ich habe selbst ein KI-Unternehmen, die HeadUpHigh GmbH. Dort arbeite ich jeden Tag mit KI und sehe, wie viel sie heute schon kann, gerade für Menschen, die anders lernen. Vieles davon schaffst du heute ohne Vorkenntnisse.
Was heute schon möglich ist
- Eigene kleine Lernprogramme: Du beschreibst in normaler Sprache, was du brauchst, und die KI baut daraus ein kleines Programm, zum Beispiel ein Übungsspiel für das Einmaleins, einen Vokabeltrainer mit Bildern oder eine Zeitleiste zum Anklicken. Das nennt man Vibe Coding. Programmieren musst du dafür nicht können.
- Animierte Lernerfahrungen: Ein Ablauf wird zur kleinen Animation, ein Sachtext zum Hörspiel, ein Versuch zur Schritt-für-Schritt-Geschichte.
- Material für jede Art zu lernen: dasselbe Thema als Bildkarten, als Hörfassung, mit weniger Text pro Seite, mit Struktur zum Abhaken oder mit Zusatzaufgaben für Schnelle. Passend für ADHS, Autismus, Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten und alle anderen Formen von Neurodivergenz.
- Seiten zum Leben erwecken: Du fotografierst eine Buchseite oder ein Arbeitsblatt ab, und die KI macht daraus ein Gespräch, ein Quiz, ein Bild zum Erkunden oder sogar ein 3D-Modell, das man drehen kann.
- Texte vereinfachen und vorlesen: derselbe Inhalt in einfacher Sprache oder mehreren Lesestufen, und auf Wunsch hörbar.
- Aufgaben in Schritte teilen und Pläne erstellen: aus einem langen Auftrag wird eine Liste zum Abhaken, aus einer Woche ein Plan.
Gerade für Menschen, die anders lernen, öffnet das Türen: Das Material passt sich der Schülerin oder dem Schüler an, nicht umgekehrt.
Künstliche Intelligenz kann heute einzelne Arbeitsschritte im Unterricht vorbereiten.
Das kann eine Unterstützung sein, ersetzt aber nicht deine pädagogische Entscheidung.
Prüfe Inhalte, Sprache und Aufgaben immer selbst.
Gib keine Namen, Diagnosen, Texte oder anderen Schülerdaten in offene KI-Werkzeuge ein.
Für Deutsche Schulen im Ausland nennt die Kultusministerkonferenz Datenschutz, Informationssicherheit und Anonymisierung.[9]

Werkzeuge im Lehrerportal
Daran arbeite ich gerade: Werkzeuge, mit denen du Texte und Arbeitsblätter mit KI an deine Klasse anpassen kannst, ohne Schülerdaten preiszugeben. Sie kommen in den Bezahlbereich des Lehrerportals.
Mehr für deinen Unterricht
Die Blätter „Auf einen Blick“ zum Ausdrucken findest du im Lehrerportal.
Dort findest du auch vertieftes Wissen und weitere Werkzeuge für deinen Unterricht.
Alle Themen auf einen Blick
Zu jedem Thema gibt es ein Blatt zum Ausdrucken und Aufhängen. Du findest alle Blätter im Lehrerportal.
Quellen
- National Autistic Society: Autism and neurodiversity, abgerufen am 14.10.2026.
- Botha, M. et al. (2024): The neurodiversity concept was developed collectively, Autism, 28(6), S. 1591 bis 1594, online erschienen am 12.03.2024.
- Deutschlandfunk (2017): Einführung der Schulpflicht in Preußen.
- Friedrich II. (1763): Königlich-Preußisches General-Land-Schul-Reglement.
- Levinson, K. (2007): Rechtschreibunterricht und Erziehung zum Gehorsam.
- Universität Leipzig: Geschichte des Instituts für Psychologie, aktualisiert 2023.
- Penguin Random House: Anna, die Schule und der liebe Gott, erschienen 2013.
- Robert Bosch Stiftung (2026): Deutsches Schulbarometer: Verhalten von Schülerinnen und Schülern.
- Kultusministerkonferenz (2026): Grundsätze für digital gestützten Unterricht.
- Blank u. a. (2019): International clinical practice recommendations on developmental coordination disorder.
