24. Juni 2026

Blog · 4 Minuten Lesezeit

Stillsitzen ist keine Konzentration

Eine Schülerin oder ein Schüler wippt mit dem Fuß. Jemand anderes steht auf und arbeitet am Rand des Raumes.

Beide Körper bewegen sich. Trotzdem können beide aufmerksam lernen.

Aufmerksamkeit hat mehrere sichtbare Formen

Konzentration bedeutet nicht, dass der Körper vollkommen still bleibt.

Aufmerksamkeit zeigt sich auch durch Verstehen, Bearbeiten und Erinnern.

Bewegung kann manchen Schülerinnen und Schülern helfen, ihre Aktivierung zu regulieren.

Regulation bedeutet, die eigene Aufmerksamkeit und Anspannung zu beeinflussen.

Fidgeting beschreibt kleine Bewegungen, etwa Fußwippen oder Fingerbewegungen.

Stimming bezeichnet wiederholte selbstregulierende Bewegungen, die angenehm oder entlastend sein können.

Beide Begriffe sind Beschreibungen. Sie sind keine Diagnosen.

Was aktuelle Forschung nahelegt

Eine systematische Übersichtsarbeit untersuchte zehn randomisierte Studien zu Bewegung und Aufmerksamkeit bei Schülerinnen und Schülern mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Sie fand einen moderaten positiven Effekt körperlicher Aktivität auf Aufmerksamkeitsprobleme.[1]

Besonders kognitiv anregende Bewegung zeigte in der Auswertung stärkere Effekte.

Das bedeutet nicht, dass jede Bewegung jeder Schülerin und jedem Schüler hilft.

Bei Schülerinnen und Schülern mit und ohne ADHS nahm die motorische und verbale Hyperaktivität während Übergängen zu.[2]

Die Studie konnte aber nicht klären, ob diese Bewegung hilfreich oder störend war.

Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) nennen Pausen und Zeit für Bewegung als mögliche Anpassungen.[3]

Stillsitzen ist kein verlässlicher Test

Eine stille Schülerin oder ein stiller Schüler kann gedanklich abschweifen.

Eine Schülerin oder ein Schüler in Bewegung kann den Inhalt verfolgen und bearbeiten.

Beurteile deshalb nicht zuerst die Körperhaltung.

Prüfe, ob der Auftrag verstanden ist und die Arbeit vorankommt.

Frage nach einer Arbeitsphase: „Was hat dir geholfen, dranzubleiben?“

Dokumentiere Situation, Aufgabe und Wirkung. Schreibe keine Vermutung über eine Diagnose.

Welche Bewegungen im Unterricht möglich sind

  1. Erlaube leise Bewegungen

    Fußwippen, ein Gummiband oder ein Stehplatz können passende Optionen sein.

    Die Bewegung darf niemanden gefährden oder vom Lernziel ablenken.

  2. Plane kurze Wechsel

    Baue zwischen längeren Phasen einen klaren Bewegungsauftrag ein.

    Bücher holen, Tafel wischen oder Strecken können genügen.

  3. Gib Auswahl

    Schreibe zwei oder drei Möglichkeiten sichtbar an die Tafel.

    Die Schülerin oder der Schüler wählt, ohne die Entscheidung vor der Klasse zu erklären.

  4. Prüfe das Timing

    Manche Schülerinnen und Schüler brauchen Bewegung vor einer anspruchsvollen Aufgabe.

    Andere arbeiten besser mit kleinen Bewegungen während der Aufgabe.

  5. Beobachte Nebenwirkungen

    Eine Lösung kann an einem Tag passen und am nächsten stören.

    Ändere dann nur eine Bedingung und prüfe erneut.

Wenn Bewegung auf Überforderung hinweist

Mehr Bewegung kann auch ein Zeichen für steigenden Stress sein.

Bei einem Overload wirken viele Reize gleichzeitig zu stark.

Eine Schülerin oder ein Schüler kann dann kaum auf die Umgebung reagieren.

Ein Shutdown ist eine weniger sichtbare Rückzugsreaktion auf Überforderung.[4]

Reduziere Reize, sprich kurz und gib Zeit.

Erwarte keine sofortige Erklärung.

Plane vorher, wo eine kurze Pause möglich ist.

Bewegung gemeinsam planen

Besprich die Optionen in einer ruhigen Unterrichtsphase.

Dann muss die Entscheidung nicht mitten in einer Überforderung fallen.

Formuliere die Grenze konkret: „Du darfst stehen, solange der Weg frei bleibt.“

Oder: „Du kannst wippen, solange du deinen Partner hören kannst.“

Solche Sätze verbinden Selbstbestimmung und Rücksicht.

Sie machen außerdem sichtbar, woran du die Wirkung prüfst.

Eine passende Lösung muss nicht dauerhaft gleich bleiben.

Material: Vorschlag „Meine Konzentrationshilfe“

Die Karte ist ein Vorschlag für die Primarstufe und Sekundarstufe I.

Sie bietet die Auswahl „Ich sitze“, „Ich stehe“, „Ich bewege meine Füße“ und „Ich brauche eine Pause“.

Danach prüft die Schülerin oder der Schüler: „Konnte ich beginnen, arbeiten und aufhören?“

Die Karte enthält keine Namen, Diagnosen oder Gesundheitsangaben.

Quellen
  1. Li u. a.: Effect of physical activity on attention in school-age children with ADHD, 2023, abgerufen am 14.10.2026.
  2. Staff u. a.: The relation between classroom setting and ADHD behavior, 2023, abgerufen am 14.10.2026.
  3. Centers for Disease Control and Prevention: ADHD in the Classroom, abgerufen am 14.10.2026.
  4. Autistica: Supporting autistic people who are overwhelmed or having a meltdown, abgerufen am 14.10.2026.

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Post von Olga

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